Was ist das Cynefin-Framework?
Das Cynefin-Framework [kəˈnɛvɪn] ist ein Entscheidungs- und Wissensmanagement-Modell, das Probleme, Situationen und Systeme in fünf Domänen einteilt. Für jede Domäne empfiehlt es eine eigene Handlungsstrategie. Entwickelt wurde es von Dave Snowden, einem walisischen Wissenschaftler und Unternehmensberater, der das Modell im Jahr 2000 erstmals vorstellte.
Das Wort "Cynefin" ist walisisch und bedeutet in etwa "Lebensraum" oder "Herkunft" - wobei die eigentliche Bedeutung eine Herkunft in verschiedenen Kontexten gleichzeitig beschreibt: familiär, beruflich oder sozial.
Im Kern geht es darum, Systeme zu verstehen und richtig darauf zu reagieren. Das Modell erklärt auf verständliche Weise, warum Projekte ab einer gewissen Größe agile und leane Prozesse erfordern - und warum das klassische Wasserfallmodell dort nicht effektiv funktionieren kann.
Schaubild: Das Cynefin-Framework mit den fünf Domänen "Einfach", "Kompliziert", "Komplex", "Chaotisch" und "Unklar".
Die 5 Domänen des Cynefin-Frameworks
Das Cynefin-Framework unterscheidet fünf Domänen, für die je nach Art des Systems ein eigenes Handlungsmuster empfohlen wird:
1. Systeme im einfachen Zustand
„Geht nur so, die Felder 1-13, 20-22 und 35 ausfüllen, dazu noch Anlage G mit Unterschrift vom Arzt und schon ist der ergonomische Bürostuhl unterwegs.“
Einfache Systeme zeichnen sich durch eine offensichtliche Beziehung zwischen Ursache und Wirkung aus. Es gibt eigentlich nur einen sinnvollen Weg, Aufgaben effektiv zu erledigen: den „Best Practice“ eben. Hier beschreibt Snowden „Sense – Categorise – Respond“ als Handlungsmuster; also anschauen, einordnen und handeln.
2. Systeme im komplizierten Zustand
„Ah, Sie sind also der neue Architekt. Hier sind die Baupläne (von Ihrem Vorgänger), wir brauchen auf der 10. Etage noch zwei Toiletten und das Schwimmbad auf dem Dach macht wohl Probleme bei der Statik.“
Komplizierte Systeme besitzen wie einfache Systeme feste Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung, diese sind aber nicht offensichtlich und es wird spezielles Wissen und/oder Analyse benötigt, um diese wahrnehmen zu können. Um Aufgaben in diesem System zu erledigen gibt es mehrere effektive Wege, Snowden spricht dabei von „Good Practices“. Das entsprechende Handlungsmuster ist „Sense – Analyse – Respond“, was mit wahrnehmen, analysieren und handeln übersetzt werden kann.
3. Systeme im komplexen Zustand
„Ihre Kontaktperson erwartet Sie in 15 Minuten im goldenen Papagei, aber seien Sie vorsichtig, ich weiß nicht ob wir ihr trauen können.“
In diesen Systemen ist es nicht möglich, die Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung im Vorfeld offenzulegen. Zum Beispiel weil eine Analyse zu lange dauern würde, oder weil Ursachs- und Wirkungszusammenhänge mehrdeutig sind oder sich dynamisch ändern können. Hier wird die „Emergent Practice“ beschrieben, dabei ist das Muster „Probe – Sense – Respond“. Also ausprobieren, schauen was passiert und dann sein Vorgehen daran anpassen. Snowden ergänzt hier das es hilfreich sein kann Perspektiven verschiedener Personen bzw. Fachrichtungen zur Entscheidungsfindung zu Rate zu ziehen.
Gerade in agilen Projekten und bei der UX-Konzeption begegnet uns diese Domäne häufig: Nutzerverhalten lässt sich nicht vollständig vorhersagen. Es muss erprobt, beobachtet und angepasst werden.
4. Systeme im chaotischen Zustand
„Es ist mir egal, wie Sie das anstellen, aber holen Sie die Leute da lebend raus.“
Im chaotischen Zustand verliert sich die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Klassischerweise ist es ein System im Notstand, z.B. ein brennendes Haus oder ein Börsencrash. Hier gilt es zu Handeln und das System schnellstmöglich zu stabilisieren. „Act – Sense – Respond“ wird hier als Handlungsmuster vorgegeben, also handeln, beobachten was passiert und darauf reagieren. Dies bezeichnet Snowden als „Novel Practice“.
5. Verwirrung oder Unkenntnis
Von Snowden wird dies als die Domäne bezeichnet in der wir uns meistens befinden. Wir wissen bewusst oder unbewusst nicht welche Art System vorliegt. Jeder neigt dazu Handlungsmuster aus seiner Komfortzone anzuwenden. Der Bürokrat sieht Probleme als Mangel von Prozess, der Wissenschaftler braucht noch Zeit das Problem tiefergehend zu analysieren, der Spion sondiert erstmal die Lage und die Bergrettung fliegt los.
"Cynefin hilft nicht dabei, Probleme zu lösen, aber es hilft dabei, die richtige Art zu erkennen, wie man sie angehen sollte."
Die Klippe zwischen Einfach und Chaos
Auf eine weitere Besonderheit macht David Snowden noch aufmerksam. Zwischen allen Zuständen herrschen weiche Übergänge, außer zwischen dem einfachen und dem chaotischen Zustand. Das heißt wenn man ein System fälschlicherweise wie einfach behandelt es aber eigentliche komplexe oder komplizierte Handlungsmuster erfordern würde, kann das System über die Klippe fallen und spontan chaotisch werden.
Dieses Prinzip lässt sich auch auf digitale Produkte übertragen: Wenn Usability-Prinzipien ignoriert und ein komplexes Interface wie ein einfaches behandelt werden, wird dieser Absturz zu einem echten Risiko - Nutzer:innen verlieren die Orientierung, Vertrauen bricht weg.
Cynefin-Framework im Projektalltag: Typische Anwendungsbeispiele
Das Cynefin-Framework bleibt keine theoretische Abstraktion, sondern kann im Unternehmensalltag ganz konkret dabei helfen, die richtige Methode für die richtige Situation zu wählen:
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Einfach: Standardisierte Prozesse wie Rechnungsstellung, Onboarding-Checklisten oder Formularverarbeitung. Hier sind Best Practices sinnvoll und Abweichungen eher schädlich.
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Kompliziert: Technische Architekturentscheidungen, Datenbankdesign oder Rechtsberatung. Hier braucht es Expert:innen und Analyse - aber es gibt richtige Antworten.
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Komplex: Produktentwicklung, Nutzerforschung, agile Sprints. Hier helfen Experimente, Prototypen und iteratives Vorgehen - wie es auch die Laws of UX beschreiben.
- Chaotisch: Systemausfälle, Krisen, unvorhergesehene Marktveränderungen. Hier zählt schnelles Handeln, nicht perfekte Planung.
Nutzerzentriertes Design beginnt mit dem richtigen Kontext
Das Cynefin-Framework zeigt: Komplexe Systeme brauchen iterative Ansätze. Eben das ist die Grundlage guter UX-Arbeit. Wenn ihr wissen wollt, wie wir nutzerzentriertes Design in euren Projekten einsetzen, schaut euch unsere Kreations- und UX-Leistungen an.
Kreation & UX entdeckenWeiterführende Ressourcen
Wer tiefer in das Cynefin-Framework einsteigen möchte, dem empfehlen wir das Original-Video von Dave Snowden auf YouTube (CognitiveEdge, offizieller Kanal) sowie die offizielle Cynefin-Website von The Cynefin Co, auf der Snowden das Framework selbst vorstellt.
FAQ: Das Cynefin-Framework
Wofür nutze ich das Cynefin-Framework?
Das Cynefin-Framework hilft dabei, Situationen und Systeme richtig einzuordnen und das passende Handlungsmuster zu wählen. Es eignet sich besonders für Projektmanagement, agile Entscheidungsfindung und Führungssituationen, in denen unklar ist, ob ein Problem einfach, kompliziert, komplex oder chaotisch ist.Was sind die 5 Domänen des Cynefin-Frameworks?
Das Cynefin-Framework unterscheidet fünf Domänen: Einfach (Sense-Categorise-Respond), Kompliziert (Sense-Analyse-Respond), Komplex (Probe-Sense-Respond), Chaotisch (Act-Sense-Respond) und Verwirrung/Unkenntnis als fünfte Domäne, in der man sich nicht bewusst ist, welche Domäne vorliegt.Was bedeutet "Cynefin" auf Deutsch?
"Cynefin" ist ein walisisches Wort und wird [kəˈnɛvɪn] ausgesprochen. Es bedeutet in etwa "Lebensraum" oder "Herkunft" - wobei die eigentliche Bedeutung eine Herkunft in verschiedenen Kontexten gleichzeitig beschreibt: familiär, beruflich oder sozial. Das Framework wurde von Dave Snowden entwickelt.